22. November 2020 / 08:00 Uhr

Zum 100. Geburtstag von Walter Fritzsch: "Ich mag keine sogenannten Stars"

Zum 100. Geburtstag von Walter Fritzsch: "Ich mag keine sogenannten Stars"

Jochen Leimert
Dresdner Neueste Nachrichten
Am 7. November 1973 spielt Dynamo Dresden gegen den FC Bayern München (3:3). Walter Fritzsch und Trainerkollege Udo Lattek sitzen im Anschluss in der Pressekonferenz.
Am 7. November 1973 spielt Dynamo Dresden gegen den FC Bayern München (3:3). Walter Fritzsch und Trainerkollege Udo Lattek sitzen im Anschluss in der Pressekonferenz. © imago images/Koch
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Am 21. November 1920 wurde Walter Fritzsch geboren. Der Mann, der den Dresdner Fußball nach dem 2. Weltkrieg prägte wie kein anderer. Doch das wurde lange nicht geschätzt. SPORTBUZZER-Redakteur Jochen Leimert erinnert an den "kleinen General". Teil zwei: Fritzschs Strenge und Unnachgiebigkeit, seine Erfolge mit Dynamo und der schwierige Kampf um die Erinnerung an den Meistertrainer.

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Als er nach dem Oberliga-Aufstieg mit Stahl Riesa (1968) im Sommer 1969 zum neuen Leistungszentrum Dynamo Dresden gelockt wird, wo sein Vorgänger Kurt Kresse den Oberliga-Abstieg des Messecup-Teilnehmers von 1967 umgehend korrigiert hat, etabliert Walter Fritzsch ebenso wie zuvor bei Hansa Rostock auch in der Bezirksstadt ein strenges Regime.

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Widerspruch unerwünscht

Unterstützt wird er dabei von den SED-Parteigrößen Werner Krolikowski, den er aus Rostock kennt, und Manfred Scheler. Die Dynamo-Spieler wollen Fritzsch verhindern, scheitern aber mit einer Resolution. Scheler, der Vorsitzende des Rates des Bezirkes, stellt sie vor die Wahl: Oberliga unter Fritzsch oder Kreisklasse. Dem Ausnahmekönner Hans-Jürgen Kreische signalisiert er das Ende seiner Auswahlkarriere, sollte der sich weigern, unter Fritzsch zu spielen.

Das Team der SG Dynamo Dresden in der Saison 1969/1970. Hinten links steht Trainer Walter Fritzsch. Zum Kader gehörten unter anderem Klaus Sammer, Hans-Jürgen Kreische und Eduard Geyer.
Das Team der SG Dynamo Dresden in der Saison 1969/1970. Hinten links steht Trainer Walter Fritzsch. Zum Kader gehörten unter anderem Klaus Sammer, Hans-Jürgen Kreische und Eduard Geyer. © imago images / Werner Schulze

Widerspruch duldet der Trainer nicht und sägt kurz nach seinem Amtsantritt schon vermeintliche Rädelsführer der Revolte ab. „Ich mag keine sogenannten Stars, die sich einbilden, sie wären etwas Besseres, sie brauchten deshalb weniger zu machen. Darauf habe ich in Rostock schon keine Rücksicht genommen, auch in Dresden nicht. Ich habe mit vielen Nationalspielern, die unter meiner Fahne rausgekommen sind, häufig Ärger gehabt“, erklärt Fritzsch dem bekannten TV-Journalisten Gottfried Weise später anlässlich seines 65. Geburtstages.

So sehr sich viele Spieler über Fritzschs Menschenführung, seine peniblen Aufzeichnungen und seine Trainingsumfänge beschweren, so sehr genießen sie die großen Erfolge und damit verbundenen Reisen unter ihm. Mit dem ersten Double in der Geschichte der DDR-Oberliga schafft Dynamo – in den Sechzigern noch eine Fahrstuhlmannschaft – 1971 den Durchbruch zum Spitzenteam. Der kinderlose Fritzsch („Dafür hatte ich keine Zeit.“) ordnet dem Fußball alles unter, er ist offen für neue Methoden, nutzt Filmaufnahmen zur Gegneranalyse und kreiert den „Dresdner Kreisel“, ein schnelles Offensivspiel mit hoher Ballzirkulation, das Dynamo zur gefürchteten Tormaschine macht.

Walter Fritzsch war berühmt für seine genauen Aufzeichnungen. Anlässlich der Ausstellung zum 50-jährigen Jubiläum der SG Dynamo Dresden waren einige seiner handgeschriebenen Trainingsnotizen zu sehen.
Walter Fritzsch war berühmt für seine genauen Aufzeichnungen. Anlässlich der Ausstellung zum 50-jährigen Jubiläum der SG Dynamo Dresden waren einige seiner handgeschriebenen Trainingsnotizen zu sehen. © imago images/Eisenhuth

Der ganz große Wurf, ein Titel auf europäischer Bühne, bleibt ihm anders als seinem Magdeburger Kollegen und Freund Heinz Krügel zwar verwehrt, aber Dynamo ist bis zu seiner Ablösung 1978 neben dem 1. FC Magdeburg die erfolgreichste Mannschaft der DDR und zugleich ein stetig sprudelnder Quell für die Auswahl. „40 A-Auswahlspieler habe ich herausgebracht. Es begann mit Willy Tröger, der letzte war Peter Kotte“, blickt Fritzsch am Ende seiner Karriere stolz zurück.

Journalisten sammeln Geld für Gedenkstein

Dass er nach 1978 keine Mannschaft mehr betreuen darf und ihm immer noch sein fehlendes Trainerdiplom angekreidet wird, kränkt ihn. Die Tätigkeit als Talentespäher beim Verband füllt ihn nicht aus. Dabei entdeckt er spätere Nationalspieler wie Hans-Uwe Pilz oder UIf Kirsten.

Nach der Wende ist sein Rat dann kaum noch gefragt, die neuen Herren in der Vereinsspitze nehmen von ihm keine Notiz mehr, dem Rentner sogar die Jahreskarte weg. Wenn nicht die Journalisten Karl-Heinz Heile und Gert Zimmermann nach Fritzschs Tod bei den Fans für einen Gedenkstein sammeln gegangen wären, wären Fritzschs Verdienste vielleicht nur noch den älteren Anhängern präsent.

Fritzsch
Vertreter von Fanclubs und des Vereins legten am Sonnabend Blumen und Kränze am Gedenkstein von Walter Fritzsch ab. Dynamos Meistertrainer wäre an diesem Tag 100 Jahre alt geworden. © Jochen Leimert

Als die 1,80 Meter hohe Gedenkstele aus Reinhardtsdorfer Sandstein 2004 fertig ist, wird sie vom Verein nach langem Hin und Her nur provisorisch am Steinhaus aufgestellt, verkommt dort aber zur Hundetoilette. Dann verschwindet sie für viele Jahre unter der Treppe zum VIP-Raum des neuen Stadions, ehe sie erst 2018 vor der Arena der Öffentlichkeit wieder leichter zugänglich gemacht wird. Der damalige SGD-Präsident Andreas Ritter weiht gleich noch eine Gedenktafel ein.

Biografie in Arbeit

Inzwischen hat der Verein seine lange vernachlässigte Traditionspflege wiederbelebt. Im Juni 2020 praktiziert sie er sie einmal mehr nach außen, als er das neue Trainingszentrum im Ostragehege auf den Namen „AOK plus Walter-Fritzsch-Akademie“ tauft. Es ist das größte Bauprojekt des Clubs überhaupt, die Zukunftsinvestition schlechthin, die den Weg zu altem Glanz ebnen soll.

Im April 2021 will nun auch der Journalist Uwe Karte, der 2008 bereits die feinfühlige Fritzsch-DVD „Der kleine General“ herausgebracht hat, eine Biographie vorlegen. „Tagebuch für Walter Fritzsch“ soll sie heißen. Im Internet unter www.uwekarte.de kann man das Buch bestellen.