21. November 2020 / 18:52 Uhr

Zum 100. Geburtstag von Walter Fritzsch: Mit Ehefrau Käthe gegen fehlende Disziplin

Zum 100. Geburtstag von Walter Fritzsch: Mit Ehefrau Käthe gegen fehlende Disziplin

Jochen Leimert
Dresdner Neueste Nachrichten
Walter Fritzsch war einer der ersten Trainer, die Filmaufnahmen zur Gegneranalyse verwendeten. Er fertigte sie sogar selbst an. Foto: Imago/Kicker
Walter Fritzsch war einer der ersten Trainer, die Filmaufnahmen zur Gegneranalyse verwendeten. Er fertigte sie sogar selbst an. Foto: Imago/Kicker © imago images/Kicker
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Am 21. November 1920 wurde Walter Fritzsch geboren. Der Mann, der den Dresdner Fußball nach dem 2. Weltkrieg prägte wie kein anderer. Doch das wurde lange nicht geschätzt. SPORTBUZZER-Redakteur Jochen Leimert erinnert an den "kleinen General". Teil eins: Fritzschs Anfänge als Trainer und seine ganz speziellen Methoden im Kampf gegen Schlendrian bei seinen Spielern.

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Dresden. Als er wenige Tage nach seinem Tod am 15. Oktober 1997 auf dem Dresdner Heidefriedhof beigesetzt wird, verlieren sich die wenigen Trauergäste an seinem Grab. Walter Fritzsch, der am Ende seines Lebens von einer Alzheimer-Erkrankung gezeichnet war und mit 76 Jahren starb, ist fast vergessen.

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An der Ostfront knapp dem Tod entronnen

Er hatte die Sportgemeinschaft mit eiserner Hand groß gemacht, hatte sie zu fünf Meistertiteln, zwei Pokalsiegen und drei Viertelfinal-Teilnahmen in Europacup-Wettbewerben geführt. Doch die SGD und Fritzsch waren sich schon fremd geworden, ehe der kleine General die wenigen Weggefährten, die ihn vor seinem Tod noch besuchten, nicht mehr erkannte.

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Wer hier künftig zu Hause ist, das ist unübersehbar. Zur Galerie
Wer hier künftig zu Hause ist, das ist unübersehbar. ©

Es das stille Ende des Mannes, der Dynamo Dresden zu einer Marke internationalen Ranges erhoben hat. Nicht einmal ein Grabstein ziert die letzte Ruhestätte des erfolgreichsten Trainers der Vereinsgeschichte. Es wird Jahre dauern, bis ihm die gebührende Würdigung zuteil wird.

Der Sohn eines Bergarbeiters, der 1927 in seinem Geburtsort beim Planitzer SC mit dem Fußball beginnt und später in Leisnig, Hartha, Döbeln, Zwickau-Oberhohndorf und Cainsdorf spielt, ist als Kicker kein Ass. Der kleine Sachse mit seinen 1,64 Metern und dem markanten Dialekt hat den 2. Weltkrieg nur knapp überlebt. Als Soldat war er an der Ostfront vor Moskau durch einen Granatsplitter am Fuß verwundet und zur Behandlung von seiner später ausgelöschten Einheit getrennt worden.

Erstes Intermezzo bei Dynamo Dresden

Doch nach dem Krieg macht er rasch Karriere. Als seine Spielerlaufbahn 1950 wegen einer Rückenverletzung endet, beginnt der gelernte Horizontalbohrer bei der BSG Zentra Wismut Aue als Coach zu arbeiten – ohne Trainerausbildung. Den Zweitligisten führt er sofort in die Oberliga, hält mit ihm die Klasse und ist fortan mittendrin im Spitzenfußball der noch jungen DDR.

Nach einem Intermezzo bei Empor Lauter vertraut man dem Autodidakten 1953 sogar den frischgebackenen Meister Dynamo Dresden an. Doch er bleibt nur wenige Tage im Amt, denn plötzlich zieht der Verband den renommierten Ungar Janos Gyarmati an Land.

In Dresden erinnert inzwischen ein Gedenkstein an den berühmten Dynamo-Trainer.
In Dresden erinnert inzwischen ein Gedenkstein an den berühmten Dynamo-Trainer. © imago images/Dehli-News

Fritzsch soll unter dem eloquenten Kettenraucher aus dem Fußball-Wunderland lernen, will aber lieber selbst Chef sein und geht zu Motor Dessau, einem anderen Erstligisten. Dort und später beim SC Motor Karl-Marx-Stadt steigt er zwar ab. Doch nach einer weiteren Zwischenstation bei Empor Rostock startet er richtig durch. 1960 erreicht er mit dem Vorläufer des FC Hansa das Pokalfinale (2:3 gegen Motor Jena), wird zwischen 1962 und 1964 auch dreimal Vizemeister.

Da liegt die erfolgreichste Trainerstation noch vor dem Nichtraucher, der von seinen Spielern einen gesunden Lebenswandel einfordert und selbst seine Frau Käthe zur Überwachung seiner Pappenheimer einsetzt. Sie arbeitet in Rostock in einem Kiosk am Stadion und schreibt jedes Bier auf, das die Spieler ihres Mannes konsumieren. Wie Nikotin mag der Trainer Alkohol gar nicht und lässt das seine Jungs spüren. „Wenn ein Spieler zuviel ,gelbes Wasser’ getrunken hat, merke ich das sofort. Dann muss er das gefälligst wieder rausschwitzen!“, glaubt er. Dabei ist sein Pensum so schon hart, sehr hart sogar. Er predigt seinen Spielern: „Willst du in die Spitze, musst du mehr tun!“